TOURETTE UND SCHULE

Die Schulzeit war sehr schwer für mich.
Mein Zucken und meine Unruhe störten den Unterricht. Da ich trotz zahlreicher Untersuchungen und Therapieversuchen keine Diagnose hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als auf Verständnis zu hoffen. Wirklich erklären konnte ich mich nicht.

Einige Lehrerinnen und Lehrer glaubten nicht, dass ich mein Verhalten nicht kontrollieren konnte. Ich wurde ermahnt, und wieder ermahnt. Ich sollte mich in die Ecke stellen oder beim Schulrektor vorsprechen. Ich fühlte mich falsch verstanden und ungerecht behandelt. Viel zu selten machte sich jemand die Mühe, hinter meine zuckende Fassade zu sehen.

Manchmal waren die Tics natürlich auch lustig, beispielsweise wenn ich dadurch „erfolgreich“ ein Diktat verhinderte. Das amüsierte meine Klassenkameradinnen und -kameraden. Gleichzeitig konnten sie nicht verstehen, was mit mir los war und hänselten mich oft. Ich hatte einen besten Freund, fühlte mich jedoch ausgegrenzt von der Klassengemeinschaft. Das alles entlud sich in Aggression. Ich war wütend auf meine Klasse. Und meine Aggression ihr gegenüber wurde wiederum zum Problem. Ein Teufelskreis, aus dem ich nicht herausfand. Irgendwann nahmen mich meine Eltern von Schule.

Kinderfoto Cris

Ich kam in ein Heim für schwererziehbare Kinder. Dort bekam ich Medikamente, die mich komplett ruhig stellten. Die meiste Zeit verbrachte ich also mit Schlafen. Meine Eltern durften mich ein Mal pro Woche nach Hause holen, für ein paar Stunden. Doch ich schlief auch dort fast nur. Ein halbes Jahr lang ging das so. Ich hatte kaum Kontakt zu meiner Familie und stand völlig neben mir.

Diese Zeit würde ich am liebsten vergessen. Ich habe lange nicht verstanden, warum meine Eltern mich in dieses Heim gegeben haben. Aber ich erkannte, dass sie mir helfen wollten, und dass sie in dieser Zeit ebenfalls litten.

Heute weiß man zum Glück mehr über diese Krankheit als damals. Das hilft nicht nur den Betroffenen, sondern auch Familienmitgliedern und Lehrkörpern angemessen(er) mit der Krankheit umzugehen.


Eltern und Lehrkörper sollten in jedem Fall mit der Klasse über das Ticen sprechen
. Denn wenn alle die Tics verstehen, werden sie mit der Zeit als normal empfunden. Das Tourette-Kind fühlt sich akzeptiert und traut sich eher, sich im Unterricht zu zeigen und einzubringen. Außerdem können Tics nicht ausgeschaltet werden. Sie müssen raus! Wenn ein Tourette-Kind seine Tics eine Weile unterdrücken kann, mag das zunächst positiv wirken. Ist es aber nicht. Denn es ist anstrengend Tics zu unterdrücken. Und hinterher braucht das Kind Zeit, um sich „auszuticen“. Das ist kräftezehrend und kann dem Kind den Nachmittag rauben . Die Tics sollten also in der Schule ausgelebt werden können.

Mehr wertvolle Tipps gibt es im  Leitfaden für Lehrer der Tourette-Gesellschaft Deutschland

Das Tourette-Syndrom mindert nicht die intellektuelle Leistungsfähigkeit.
Kinder mit Tourette sollten in der Schule ernst genommen werden – mit all ihren Bedürfnissen und Talenten. Oft haben sie eine besonders schnelle Auffassungsgabe. Wenn sie dahingehend gefördert werden, können sie sich im schulischen Umfeld wohler fühlen und selbstbewusster werden.

Illustration Glühbirne mit Hirn
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